Ein Wälzer für besondere Momente

Francesca Martí

Das allererste Kunst-Buch der aus Sóller stammenden Künstlerin Francesca Martí wurde in wenigen Tagen produziert.

Damals war sie nur ein kleines Mädchen, das das Skizzenbuch, das ihre Mutter für sie gekauft hatte, mit „großen Zeichnungen“ blitzschnell gefüllt hatte. Künstlerin zu werden war eindeutig ihr Schicksal: Francescas neuestes Buch – das erste zur Veröffentlichung – ist ein bemerkenswertes Kompendium (ca. 400 Seiten) von ihrem kreativen Output des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts. Es ist die Art von Buch, das man auf dem Couchtisch liegen hat und immer wieder aufschlagen kann, wenn man einen künstlerischen Wow-Effekt braucht.

Wir kommen an in ihrem bezaubernden Wohn-und Atelierhaus – auf einem Hügel in der Nähe von Fornalutx. Ein paar Tage vorher hatte Francesca die Lieferung des fertigen Buches  „Grenzen der Realität – 10 Jahre Fotografie, Video, Malerei, Bildhauerei und Performance von Francesca Martí“ erhalten. Und es ist ein Hauch von Aufregung spürbar: „Es ist schön, in meinen Händen zu halten, was ich in all den Jahren gefühlt habe“, sagt die bescheidene Künstlerin, als sie das Buch auf die Terrasse mitnimmt, wo der Kaffee auf uns wartet. „Es ist wie das Öffnen eines Andenken-Kästchens…..“

Es muss eine Flut von Emotionen über diese talentierte und nachdenkliche Frau hinweg gebraust sein. Nicht zuletzt dank ihres Ehemannes Gunnar, der die Idee zum Buch vorgeschlagen hatte: „Meine Frau hat eine Fähigkeit, komplexe Gefühle ohne Worte in Bildern ausdrücken“, sagt er in einem der vielen Zitate im Buch, das von Kunstkurator Jonathan Turner kompiliert und herausgegeben wurde.

Die Zusammenstellung des Buches dauerte zwei Jahre und erforderte monatliche Konzeptbesprechungen in Amsterdam. Zur Zeit meines Besuches lautet der Plan, das Buch Anfang August auf Mallorca herauszubringen gestartet werden. Und während Sie dies lesen, sollte das Werk bereits in Buchhandlungen in Spanien, Holland, Italien, Schweden, Großbritannien und China erhältlich sein.

„Borders of Reality“ deckt die wichtigsten Serien der Künstlerin in der vergangenen Dekade ab, darunter „The Fly“, „Senses & Movements“, „Soul“, „Tears“, „Scream“, „Momentum“ und „Reflections“ –  die aktuelle Ausstellung auf Mallorca, die während Palma Photo 2011 eingeweiht wurde.

Aber das Buch ist nicht nur eine Sammlung von Fotografien vom künstlerischem Output Francesca Martís oder von ein paar Foto-Geschichten der Entstehung. Es bietet dem Leser auch einen intimen Einblick in die Seele und das Leben dieser sensiblen, intelligenten Frau. In ihren eigenen Worten erzählt sie von Inspirationen, von Produktionen, von den Menschen, die ihr Modell standen, und von Vielem mehr.

Die Inspiration für „Reflections“ zum Beispiel kam während einer Schaffensperiode in Amman im Jahr 2010. Dort arbeitete sie mit zehn verschiedenen Künstlern und Bildhauern an einem Projekt. Sie beobachtete die Dichte der Wohnungen in der jordanischen Hauptstadt und die große Anzahl von Parabolantennen: „Sie waren leblose Gegenstände. . . Trotzdem fühlte ich, als flehten sie mich an, ihnen Leben einzuhauchen. In einem Blitz sah ich Gesichter, hörte Stimmen, sah Farben, wo es keine gab. Plötzlich war der Chor nicht mehr schweigsam.“

Mit Recycling-Satellitenschüsseln baute Francesca Installationen mit Video, Projektionen, Gemälde, Fotografien und Tonaufnahmen: „Meine ´Reflections´-Serie dreht sich um die Meinungsfreiheit in einem Zeitalter der kontrollierten Informationen. Nach den Unruhen in Kairo, in Syrien und anderswo im Nahen Osten, merkte ich, wie zerbrechlich diese Freiheit ist. Meine Arbeiten sind Übertragungen der Hoffnung.“

Es ist aufschlussreich, Kommentare über ihre Arbeit und Persönlichkeit von beinahe 40 Personen zu lesen – darunter Kunstkritiker, andere Künstler und von denen, die für sie Modell gestanden haben. Unter den Mitwirkenden ist ihre Mutter Clementina Ayala, die sich erinnert: „Früher habe ich ihr oft gesagt, dass ihr Geist noch schneller war als ihre Hände.“ Bernat Rabassa, Direktor der Galería Altair in Palma, mit der Francesca Martí schon eine lange Kooperation hat, erinnert sich an seine Kommentare zu einigen ihrer Fotos der Serie „The Fly“: „Die ganze spirituelle Tiefe von Francescas Empfindung und Gefühl wurde der Welt wurde die Verbreitung einer Fliege eröffnet.“

Kommentare von Cristina Ros, Direktorin von Es Baluard, sind darin, von Dr. Khalid Khreis, Generaldirektor der Jordan National Gallery of Art (er begegnete Martí erstamals 2006); von Kees van Twist, Geschäftsführer des Groninger Museums, von Modell Ray Scott („Scream“) und von Kevin Osbourne („Tears“). Australiens Olympiasieger im Turmspringen, Matt Mitcham, schreibt liebevoll über seine Erfahrung der Interpretation ihres Elfen-Werks „Droplet“.

Francesca war kürzlich Gegenstand der IB3-Sendung ‚Flor i Nata‘ (in der gleichen Folge wurde ein Bericht über abcMallorca Chefredakteurin Helen Cummins gesendet), und IB3-Moderator und Kunstwissenschaftler Esteban Mercer trug ebenfalls zum Buch bei. Aufschlussreiche Kommentare über den Charakter und die Techniken der Künstlerin stammen von Martís Studio-Manager Roland van Dinten, der ganz entscheidend an der Produktion des Buches mitwirkte.

Die innigste Wertschätzung dieser ruhigen, bescheidenen Künstlerin formulierte wohl der international wichtigste Kunstmäzen Mallorcas: Pedro Serra (Verleger und Kunst-Professor ehrenhalber). Er erzählt, wie er sie zum ersten Mal bei der Arbeit sah, als Mitglied der Jury eines lokalen Malwettbewerbs für junge Amateur-Künstler. Nachdem sie den ersten Preis gewonnen hatte, bat sie um seinen Rat, wie sie als Künstlerin besser werden könne, und verfolgte genau diesen Weg. Serras Fazit: „Meiner Meinung nach hat der eigentliche Erfolg dieser Künstlerin gerade erst begonnen durchzuscheinen. Viele glorreiche Jahre und große Kunst liegen vor ihr.“

Ich hoffe, dass es bis Ende dieses Jahrzehnts genug Material für ein zweites Kunstbuch von Francesca Martí gibt. In der Zwischenzeit gibt es „Grenzen der Realität“ – und der Kauf ist es auf jeden Fall wert für den Couchtisch …….

Kontakt

Francesca Martí

Gerhardt Braun Gallery, Sant Feliu, 18 Palma