Der mallorquinische Regisseur Toni Bestard

Der Goya Gewinner spricht über seinen Werdegang

Toni Bestard (1973) erhielt bereits zwei Nominierungen für den Goya-Filmpreis für seine Kurzfilme Equipajes (Gepäck) und El anónimo Caronte (Der Anonymus Caronte); ein Genre für das er auf nationalen und internationalen Festivals mehr als 150 Preise gewann. Im Jahre 2012 zeigte er seinen ersten Spielfilm, El perfecto desconocido (Der perfekte Unbekannte), in dem Colm Meaney die Hauptrolle spielt. Mit diesem Film gewann er unter anderm den Preis für das beste internationale Erstwerk auf dem Festival in Galway (Irland) und den Preis für den besten Hauptdarsteller auf dem internationalen Festival Tiburón (USA).

Marcos Cabotá hat das Skript für den Film Amigos (Freunde, 2011) geschrieben und mit Regie geführt. Der Film wurde mit dem Publikumspreis auf dem Kino-Festival von Malaga ausgezeichnet. Momentan befindet sich Marcos in Cancún, wo er gerade Noctem dreht, einen Horrorfilm, bei dem Toni Co-Prodzent ist.

Die Idee der beiden einen Dokumentarfilm über David Prowse zu machen, den Schauspieler, der Darth Vader, “den berühmtesten Schurken der Filmgeschichte”, spielte, kam eines Tages auf, als sie über Star Wars plauderten. “Marcos ist absoluter Fan der Saga und für mich ist es einer dieser Filme, die mich als Kind dazu animiert haben Regisseur zu werden”, erzählt Bestard und fügt noch hinzu: “Jeder kennt Harrison Ford, aber keiner weiß, wer der Schauspieler war, der Darth Vader darstellte”.

Marcos lernte David Prowse auf dem Festival in Sitges kennen und machte sich sofort an die Recherche. Dieser Schauspieler, der von der Königin Elisabeth II höchstpersönlich den ‚Preis der königlichen Hoheit des britischen Imperiums‘ erhielt, ist heute schon 80 Jahre alt und lebt mit seiner Frau außerhalb von London. Alle zwei Wochen nimmt er an einer Star Wars-Konvention teil, um Autogramme zu unterzeichnen. Abgesehen davon haben Marcos und Toni eine unglaubliche Geschichte entdeckt, die sie “noch nicht enthüllen können, die aber zum trendigen Thema auf internationaler Ebene werden wird”. “Marcos hat eine Verrücktheit mit David Prowse ausgeheckt, die alle Star Wars-Fans faszinieren wird”, erläutert Bestard. Es handelt sich bei dem Film nicht um eine Biographie, sondern um einen Dokumentar-Spielfilm, ein Genre, das seit Erfolgsfilmen wie Bowling for Columbine von Michael Moore oder Amy Winehouse von Asif Kapadia in Mode gekommen ist.

Der Film wurde auf englisch in Ländern wie Deutschland, England, USA und Spanien gedreht und umfasst Interviews mit verschiedenen Persönlichkeiten. “Wir möchten ein bisschen die Geschichte der Personen erleuchten, die sich hinter Masken in der Welt des Kinos verbergen”, sagt der Regisseur.

Der Dreh, der im Februar 2013 begann und im September 2015 enden wird, konnte dank der Filmgesellschaften Nova von Paula Serra, Singular, Strange Friends – der Produktionsgesellschaft, die Toni y Marcos gründeten – und dank der Spenden von außerhalb über die Webseite www.verkami.com realisiert werden. “Nach verschiedenen rechtlichen Komplikationen hoffen wir nun vor dem 16. Dezember die Premiere zeigen zu können. Der 16. ist der Tag, an dem die VII. Episode von Star Wars uraufgeführt wird: Das Erwachen der Macht. Viele Leute sind an unserem Film interessiert. Wir werden ihn weltweit zeigen und haben hohe Erwartungen reingesetzt”, äußert sich Bestard.

Obwohl seine Berufung als Cineast schon im zarten Alter von 10 Jahren aufkam, war es nicht bis zum 23. Lebensjahr und nachdem er Lehramt studiert hatte, dass er sich entschied nach Madrid zu ziehen und Filmregie zu studieren. Danach kehrte er nach Mallorca zurück, wo er jegliche Unterstützung erhielt, um seinen Traum wahr werden zu lassen. “Mein bester Kurzfilm ist Foley Artist, ein Projekt, das aus einem Kino-Workshop an der Uni entstand und seit der Premiere schon 33 Preise erhalten hat. Der Film war sogar Finalist bei den Goyas 2015”, erklärt er.

Aktuell bereitet er seinen zweiten Spielfilm als Regisseur vor, dessen provisorischer Titel bisher Rabbits ist. Hierbei handelt es sich um eine Adaptation eines Theaterstückes des katalanischen Autors David Desola, das sich El hijo del Vecino (Der Sohn des Nachbars) nennt. “Ein sehr radikales, aber lustiges Stück. Eine absurde Komödie über Ehen und brenzlige Themen wie z.B. die Immobilienkrise. Es ist eine Stilmischung zwischen David Lynch und Charlie Kauffman. Ich werde einen Trailer rausbringen, ohne dass der Film fertig gestellt ist. Das ist origineller und verlangt weniger Budget. Heutzutage unterwirft man sich entweder den großen Filmgesellschaften, die nur kommerzielle Filme machen wollen oder man muss sich finanziell beschränken, wenn man nicht scheitern will”, sagt Bestard.

Im kommenden September wird zum vierten Jahre in Folge unter der Leitung von Sandra Seeling das Evolution Mallorca International Film Festival stattfinden, zu dem Bestard folgendes kommentiert: “Es ist ein kleines Festival, aber ich unterstütze es immer. Mallorca hat theoretisch die notwendige Infrastruktur, um internationale Film-Festivals auf dem Niveau von Venedig oder Cannes zu organisieren. Leider gab es einen Versuch, der aufgrund einer Situation mit korrupten Politikern scheiterte”.

Toni, der auch Professor an der UIB und anderen Akademien ist und dort Audivision und Animation unterrichtet, würde gerne mit Jose Sacristán zusammenarbeiten, den er bereits für Rabbits angesprochen hat oder mit Kevin Spacey oder Ralph Fiennes.

Als Kurzfilm-Regisseur und –Produzent feiern Sie nun ihr Spielfilm-Debüt. Wie kam es dazu?
Der Plot entstand vor sechs oder sieben Jahren gemeinsam mit meinem Drehbuch-Autor Arturo Ruiz: ein Ausländer kommt in eine Stadt, eröffnet einen Laden und niemand weiß, was er verkauft. Manche Bewohner begrüßen ihn herzlich in der Hoffnung, dass eine fast leblose Stadt durch das Geschäft aufleben könnte. „Der Fremde“ ist eine dramatische Komödie, die beide Genres verbindet, und von einem Geheimnis umweht wird, das mit der Tramuntana zu tun hat. Das Geheimnis umgibt auch den Film. Deshalb ist es ein Paket „three in one“: Komödie, Drama und Thriller. Ich bin überzeugt, dass die meisten Leute beim Abspann entweder mit einem Lächeln im Kino sitzen oder eine Träne über ihre Wangen kullert. Es gibt so viele Charaktere. Für jeden Zuschauer ist mindestens einer dabei, mit dem man sich identifizieren kann.

Die Dreharbeiten waren nicht gerade einfach.
Ja, denn wir fingen schon 2006 an, mussten den Film aber verschieben, drehten schließlich ab 2010 und nun ist er fertig. Es waren sechs Jahre voller Kampf um die Finanzierung, was immer das Komplizierteste ist. Man darf nicht locker lassen. Viele werfen das Handtuch, wenn sie ein Projekt für unmöglich halten, aber ich war hartnäckig. Drei Produktionsfirmen haben sich am Projekt versucht und erst die dritte konnte es stemmen.

Die Tramuntana als Kulisse – müssen sich die Touristen die Insel nochmal genauer ansehen?
Ja, vielleicht, denn dieses Mallorca kennen nur wenige. Beim Festival in Palm Springs (USA) fragten mich viele, wo denn der Film gedreht worden sei. Obwohl sie die Insel kannten, musste ich erklärten, dass es in der Sierra ein anderes, verstecktes Mallorca gibt. Viele Zuschauer versicherten mir dann: „Ich weiß, wo ich meinen nächsten Urlaub verbringe.“

Sind denn die Mallorquiner gute Gastgeber für die „Fremden“?
Ja und nein. Ich wollte kein realistisches Porträt der Menschen auf Mallorca zeichnen. Das Dorf ist fiktional, obwohl Charaktere auftreten, die von echten Personen inspiriert sind. Was der Film vermitteln soll ist, dass der Fremde Gastfreundschaft vermischt mit Argwohn auf der Insel antrifft. Die Message: Wir sind freundlich mit den Menschen, brauchen aber Zeit, uns an sie zu gewöhnen. Wir nehmen zwar niemand sofort mit offenen Armen auf, aber wir Mallorquiner haben gute Manieren, mit die besten in ganz Spanien.

Ist Mallorca ein gutes „Set“ für Dreharbeiten?
Offensichtlich. Mallorca muss sich für internationale Dreharbeiten noch viel mehr öffnen. Wir müssen in der Krise neue Einnahmemöglichkeiten erschließen. Der Return-On-Investment einer Filmproduktion übersteigt bei weitem die Komplikationen, die Dreharbeiten verursachen. Letztes Jahr waren Tom Hanks und Halle Berry zu Dreharbeiten mit den Wachowski-Brüdern hier. Sowas muss jedes Jahr passieren. Mallorca ist perfekt, weil wir viele abwechslungsreiche Landschaften mit kurzen Entfernungen haben. Die Hotel-Infrastruktur ist gut und der Flughafen verbindet uns mit ganz Europa.

Hauptdarsteller ist der Ire Colm Meaney. Warum wollten sie ihn?
Colm Meaney ist ein außergewöhnlicher Schauspieler, ein echter Kerl, der viel Einfühlungsvermögen hat. Er ist die Idealbesetzung für den „perfekten Fremden“, weil ihn jeder kennt, aber sich kaum jemand an seinen Namen erinnert. Das Schicksal spielte auch eine Rolle. Jemand hat mir gesteckt, dass sich Colm einen Zweitwohnsitz in Soller zugelegt hat. Ich gab ihm einfach mal das Drehbuch und wir hatten vom ersten Augenblick an Feeling. Eine Woche später rief er mich an, zeigte sich von der Story begeistert und übernahm die Rolle. Das geschah zwei Jahre vor den Dreharbeiten. Während dieser Zeit half er immer mit, den Film doch noch zu stemmen. Ohne ihn wäre es schwierig geworden.

Welche Projekte nehmen Sie bald in Angriff?
Ich habe zwei im Auge. Ein Skript für die Adaption eines Theaterstücks und ein Original-Drehbuch, beides fürs Kino. Ich würde gern sofort anfangen, weil ich nicht nochmal sechs Jahre in den Wind schießen will, um den nächsten Film zu drehen. Ich weiß, dass schwierige Zeiten vor uns liegen, daher schließe ich internationale Projekte nicht aus. Aber ich würde das Muster von „Un Perfecto Desconocido“ gern auf Produktionsebene wiederholen, mit dem gleichen Team. Ich würde gerne nochmal auf Mallorca drehen. Hier fühle ich mich sehr wohl.