Jeffrey Archer

Seine Rolle als Parteivorsitzender der Konservativen unter Margaret Thatcher ging 1986 unrühmlich zu Ende – er musste später wegen Meineides sogar für zwei Jahre ins Gefängnis. Über dieses dunkle Kapitel seines Lebens sind mehr als genug Berichte und Artikel geschrieben worden. Jeffrey Archer ging mit der Feder in der Hand zum Gegenangriff über und brachte die Kritiker durch seinen bemerkenswerten Erfolg zum Schweigen. Sein erster Roman “Not a Penny more, not a Penny less” (Kein Penny mehr, nicht ein Penny weniger) erschien vor 33 Jahren. Knapp 30 weitere Werke folgten, darunter zwei Theaterstücke. Archer ist ein leidenschaftlicher Verehrer aller Künste – und der Insel Mallorca.

Im Mai 2009 ging er in Indien of Promotion-Tour für sein neuestes Buch “Paths of Glory” (Wege des Ruhms). Jeffrey hat ein Faible für Indien, nicht nur weil er ein großer Cricket-Fan ist: “Dieses Land fasziniert mich, auch ganz pragmatisch gesehen, weil dort das Gros meiner Leser ist. 50 Millionen Inder haben Kain und Abel gelesen. Sie lesen mehr als die Amerikaner. Indien hat eine Eliteschicht von 200 Millionen Menschen, die Werke in englischer Sprache liest. In den USA würden zu einem Event mit Buchpräsentation und Autogrammstunde vielleicht 200 bis 300 Leute kommen; in  Indien sind es 2000 bis 3000.” Auf der ersten Station seiner Tournee musste er in zwei Stunden 1000 Bücher signieren – eine Höchstbelastung fürs Handgelenk.

“In zwölf Tagen tourte ich durch sechs Städte”, erzählt er, “dabei verbrachte ich die meiste Zeit in irgendwelchen Hotels”. Trotzdem wurde er unmittelbarer Zeuge des Rummels um die Parlamentswahlen und deren Ausgang. Für einen politisch interessierten Menschen wie ihn war das ein echtes Highlight. Noch dazu wird Indien nun nach 50 Jahren zum ersten Mal von nur einer Partei regiert. “Die Langlebigkeit der politischen Aktivität der Gandhi-Familie ist für mich etwas Spektakuläres – trotz aller Unruhen im Vorfeld der Wahlen, die viele Menschenleben gekostet haben.” Archer berichtet, dass Rahul Gandhi – ein Enkel von Indira Gandhi – in Indien momentan im Mittelpunkt des Interesses steht. Das Volk sei davon überzeugt, dass Indien unter seiner Führung innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre mehr politisches Gewicht bekommt.

Ich hatte gelesen, dass Archer den zehnten Entwurf von “Paths of Glory” (er verfasst mehrere Entwürfe handschriftlich – für “A Prisoner of Birth” brauchte er 17 Entwürfe!) auf Mallorca geschrieben hat. Archer: “Mein erstes Buch und meine letzten fünf Werke sind hier entstanden. Es ist ein wunderbarer Ort und ich bin glücklich, hier leben und schreiben zu dürfen.” Nach vielen literarischen Mallorca-Aufenthalten glaubt er zu wissen, dass sich die Insel in den letzten 30 Jahren positiv entwickelt hat: “Gerade in den letzten fünf Jahren sind tolle Dinge passiert. Die Infrastruktur ist gut und Palma ist eine Stadt mit großer Anziehungskraft.”

In der Vergangenheit mietete der Autor Häuser oder Apartments, um dort zu schreiben: “Ich hätte auch bei Freunden wohnen können, aber ich brauche unbedingte Abgeschiedenheit, um kreativ zu sein.” Im Januar 2010 wird er erstmals in seinen eigenen vier Wänden zur Feder greifen: Das moderne Haus mit Meerblick, das er auf einem abgelegenen Grundstück bei Sa Torre bauen lässt, ist fast fertiggestellt.

Am Anfang seiner beruflichen Laufbahn war Archer eine Zeitlang Sportlehrer, und noch heute ist seine Sportbegeisterung ähnlich groß wie seine Liebe zur Kunst. Obwohl er seit vier oder fünf Jahren nicht mehr selbst Cricket gespielt hat, besucht er immer noch gerne Wohltätigkeits-Cricket-Spiele. Nach seiner Gefängnisstrafe wurde er als Mitglied des Marylebone Cricket Club für sieben Jahre suspendiert. Ob er wieder zu seinem Verein zurückkehrt, wenn die Strafe gegen Ende 2009 aufgehoben wird? “Vermutlich schon” lautet seine knappe Antwort. Überraschenderweise hat er vom britischen Mallorca Cricket Club (MCC) noch gar nichts gehört – wohl deshalb, weil er den Ort Magaluf meidet.

Jeffrey glänzt auch als Charity-Auktionator: “Es macht Spaß, zum Wohl der guten Sache Geld aus den Leuten herauszukitzeln. Und weil es eben für Charity ist, kann man sich mehr erlauben und härter verhandeln.” Unglücklicherweise sind die Einnahmen bei Charity-Auktionen im Zuge der Rezession um ein Drittel zurückgegangen. Fünf geplante Auktionen mussten kürzlich abgesagt werden. Nichtsdestotrotz kann er es noch gut mit dem Hämmerchen. Ein paar Tage nach Englands WM-Sieg beim Rugby versteigerte er einen weißen Mini Cooper mit Union-Jack-Logo auf dem Dach und Original-Autogrammen der Nationalspieler: Zuschlag für 31.000 Pfund Sterling für den Vorstand des Rubgy-Clubs Northamptonshire.

Als ehemaliger Besitzer einer Kunstgalerie in Mayfair hat Jeffrey bemerkt, dass das kulturelle Angebot der Insel “immer besser” wird. Dem Zeitungsverleger Pere Serra zollt er für die großen Fortschritte des Es Baluard Musuems ein Sonderlob: “Dreimal hatte ich die Ehre, mit ihm zu Abend zu essen, und seine private Skulpturen-Sammlung zu sehen. Es muss eine der besten der Welt sein. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es zehn Sammlungen gibt, die besser sind.” Serra weiß, dass der Autor eine bestimmte Marmor-Skulptur besonders ins Herz geschlossen hat – dargestellt ist eine zurückgelehnte Frau mit langen Haaren. “Die würde ich sogar klauen”, witzelt Jeffrey, “aber ich bräuchte zwei Kräne, um sie anzuheben und Serra wüsste sofort, wo er sie suchen müsste.”

Kunst ist ein beliebtes Thema seines offiziellen Internet-Blogs. Das Projekt begann mit 10.000 Klicks im Juni 2006 und steigerte sich auf etwa eine halbe Million Klicks pro Monat. Die britische “Sunday Times” kürte die Homepage kürzlich zum “besten Kult-Blog”. Archer weiß, dass “dieses Instrument mir erlaubt, mit meinen Lesern in direktem Kontakt zu bleiben. Es gibt mir auch die Motivation, weiterzuschreiben.” Das Portal generiert “begeistertes Feedback” und viele Einträge teilen zu 100 Prozent seine Vorlieben Cricket und Kultur.

“Ich stehe jeden Morgen früh auf”, sagt Archer. Dabei holt er sich alle ein bis zwei Tage ein Update des Blogs: “Gewöhnlich bearbeite ich Blog und E-Mails bis 9 Uhr morgens, bevor das Telefon zu klingeln anfängt.” Der Blog ist für ihn effizientes Werbeinstrument und moderne Ausdrucksform von Kultur gleichermaßen.

Rund 150 Tage im Jahr verbringt Archer mit der Schriftstellerei – annähernd 1000 Stunden. Diesen Monat nimmt er eine neue Sammlung von Kurzgeschichten in Angriff (seine siebte insgesamt), mit dem Arbeitstitel „And thereby hangs the Tale“. Sie soll nächstes Jahr veröffentlicht werden. Am 15. Oktober 2009 erscheint anlässlich des 30. Jubiläums eine neu editierte Auflage seines Romans „Kain und Abel“ aus dem Jahr 1979.

Das Mammutprojekt verschlang 500 Stunden Arbeitszeit – warum diese Neuedition?      “Weil ich das Gefühl hatte, dass ich nach 30 Jahren viel mehr handwerkliche Erfahrung habe. Die Handlung hat sich überhaupt nicht verändert, aber dennoch ist ein anderes  Buch daraus geworden”, so Archer. Mit 33 Millionen verkauften Exemplaren ist “Kain und Abel” sein erfolgreichstes Werk. “Da liegt es mir schon am Herzen, dass der Verkaufserfolg anhält”, merkt er an.
Meinen Versuch, seine Meinung zum jüngsten britischen Polit-Skandal um veruntreute Gelder zu hören, wehrt der mediengewandte Ex-Politiker ab: “Ich bin jetzt ein Vollzeit-Schriftsteller.”

Also reden wir lieber von Mallorca, wo er gerne im “Di Benedetto” in Bendinat diniert. Es ist allerdings umsonst, nach seinem immer noch gut trainierten Körper an einem Sandstrand Aussicht zu halten: “Ich bin ein Arbeiter”, betont er. Dabei stelle ich mir vor, dass wahrscheinlich – auch während unseres Gesprächs – viele Leute an irgendwelchen Stränden der Erde in Jeffrey Archers Büchern schmökern.  “Sie sollen gesegnet sein”, sagt der Autor. Und das meint er ernst.