Die Tricks der Bussi-Bussi-Gesellschaft

Gemäß umfangreicher Berichterstattung hat Letizia Ortiz bzw. Prinzessin Letizia von Asturien „es“ getan – im Sommer 2008 und anscheinend nur aus medizinischen Gründen. Wo vorher eine leicht gebogene Nase das Gesicht wiedererkennbar machte, ist praktisch über Nacht ein kleines, gerades, feines Näschen getreten. Das markante Kinn der Gattin von Spaniens Thronfolger Felipe scheint nun auch etwas abgemildert zu sein.

Spaniens Zeitungen wie „El Mundo“ und „El País“, die laut einer freiwilligen Zensur gewöhnlich nichts negativ Enthüllendes über die Königsfamilie berichten, wagten zumindest eine Vorher-Nachher-Geschichte mit Fotobeweisen. „Eindeutig“, stellten die aufmerksamen Journalisten fest, „Letizia war beim Schönheitschirurgen“. Die offizielle Verlautbarung des Königshauses ließ nicht lange auf sich warten: Eine Operation der verschobenen königlichen  Nasenscheidewand sei notwendig gewesen. Letizia habe nicht mehr richtig Luft gekriegt. Sonst nichts. Über ästhetische Korrekturen kein Wort. Mal ganz locker wird alles unter den Teppich gekehrt. Typisch Spanien? Wohl kaum.

Typisch Promis passt besser – und wohl auch typisch Glamour. Die Glitzer-Funkel-Gesellschaft mag eine Horde von Falschspielern sein. Doch es ist anstrengend und aufwändig, wenn die Öffentlichkeit stets Glanz und Gloria von einer Person erwartet. Letizia ist glamourös, muss aber auch glamourös sein. Sie lebt als ehemaliger TV-Star und vermeintlich zukünftige Königin Spaniens ein Märchen-Leben.

Die Frage ist, wie hoch der Preis dafür ist – und ob Glamour etwas Erworbenes oder Naturgegebenes ist. Die Definition des Online-Lexikons Wikipedia besagt, dass Glamour „ein besonders prunkvolles Auftreten oder Selbstdarstellen in der Öffentlichkeit ist, das sich von Alltag und Durchschnitt abhebt“. Ursprünglich bezeichnete „Glamour“ die magisch-okkulte Fähigkeit der Geisterbeschwörung. Da kommt einem doch gleich Modeschöpfer John Galliano in den Sinn – aber ob schrill auch gleich glamourös ist?

Jemand, der glamourös ist, muss im Licht der Öffentlichkeit standhalten wie niemand sonst. Bewegt man sich in den oberen Kreisen des Showbiz, entsteht ein gegenseitiger Erwartungsdruck, der an die Substanz gehen kann. Deshalb greifen viele Angehörige der Glamour-Welt zu allen denkbaren Mitteln, um weiterhin auffällig und in Form zu bleiben. Kleidung, Schmuck, Schuhe, Frisuren, Make Up und Accessoires sind die „unblutigen“ Tricks der Glitzer-Leute. Körperlichen Defiziten und Alterserscheinungen kann man nur wirksam durch Schönheits-OPs beikommen. Gegen Stimmungstiefs, Krisen und Selbstzweifel „helfen“ Drogen wie Alkohol und Kokain – oder Magersucht und kulinarische Maßlosigkeit. Wenn man das jahrelang betreibt, um Teil des Glamour zu bleiben, handelt es sich um einen hoch explosiven Mix, der im Übermaß in die Selbstzerstörung führt.

Es gibt aber doch Vertreter des echten Glamour, Menschen, die „es“ einfach im Blut haben und alle Blicke automatisch auf sich ziehen. Eine überzeugende Erklärung dafür gibt es nicht. Stil, Gestik, Mimik, Frisur, Kleidung, Aussehen, Auftreten und Stimme: Es passt einfach alles magisch zusammen. Zum Beispiel ist da die 1994 verstorbene Glamour-Ikone Jackie Kennedy, von der Lifestyle-Guru Adrienne Cullen auf den Seiten 104-108 schwärmt. Aristoteles Onassis, der eigentlich alles hatte, inklusive Maria Callas, konnte Jackies Reiz nicht widerstehen. Wo auch immer sie auftrat, die Menschen hielten den Atem an.

Eine moderne Jackie ist die französische First Lady Carla Bruni-Sarkozy, die bei Staatsbesuchen sogar den Kleidungsstil der berühmten Witwe von JFK kopiert – obwohl Kopieren für die Glamour-Zugehörigkeit eigentlich tabu ist. Sagen wir, Carla trägt ab und zu Sachen, die man bei Jackie auch schon mal so ähnlich gesehen hat. Carla ist möglicherweise einfach nur schön, aber geistig banal – dennoch glauben viele, sie könnte eine Intellektuelle sein. Sie ist es sicherlich auf dem Gebiet der Partnerwahl. Sie macht Musik, die fast niemand kennt. Egal, wie viel in ihrem hübschen Köpfchen drinsteckt: Carla hat eine bezaubernde Ausstrahlung wie seit langem keine First Lady mehr und die Paparazzi scharen sich bei öffentlichen Auftritten um sie wie Mücken bei Nacht um eine Straßenlaterne.

Der stilistisch nicht definierbare Pop-Künstler David Bowie ist ein weiteres Beispiel für angeborenen Glamour. Sein gekonntes Spiel mit Make Up und Geschlechterrollen, sein perfektes Kokettieren mit der Kamera, verführt Millionen Musikfans auf der Welt. „Das Leben soll zum Kunstwerk werden“ ist eine weitere Wikipedia- Definition von Glamour. An dieser Stelle können sich die beiden aktuellen politischen Chefs von Deutschland und Großbritannien sofort verabschieden. Englands Gordon Brown ist so unscheinbar und blass, dass manche glauben, Strahlemann Tony Blair wäre immer noch Premierminister. Kanzlerin Angela Merkel musste von Starfriseur Udo Walz behandelt werden, damit sie überhaupt jemand wahrnimmt. Dennoch langweilen ihre trockene, unweibliche Art und ihr biederes Aussehen. Nur Insider wissen, dass die Diplom-Physikerin einen „First Husband“ hat. Den hat noch niemand gesehen und keiner kennt seinen Namen.

Wer auf Mallorca ist eigentlich glamourös? Der deutsche Immobilienmakler Matthias Kühn ist nahe dran. Seine strahlende Selbst-Inszenierung ist hanseatisch kühl kalkuliert. Kühn scheint immer genau zu wissen, wann er sich wo mit wem zeigen muss. Und er benutzt einen imposanten Helikopter, um seine Kunden zu Megavillen zu transportieren. Nicht übel. Auch der nach einem Börsen-Crash im September 2007 abgetauchte Hedgefond-Manager Florian Homm – unter anderem berichtete die Financial Times Deutschland – hatte die Aura des Besonderen. Die Rolle des Zigarren rauchenden Gutsherrn spielte der Zwei-Meter-Mann glänzend. Die bis vor kurzem ewige Inselrats-Präsidentin – und heutige Parlaments-Präsidentin – Maria Antónia Munar ist der Glamour-Lady der einheimischen Politik. Bei genauem Hinsehen ist Mallorcas Polit-Queen aber doch eher brav, bieder und konservativ statt verwegen-sexy. In der britischen Insel-Kolonie ist das Ehepaar McManaman zu nennen, das öffentlich stets elegant auftritt. Victoria und Steve sind glamourös, aber auch sehr understated und diskret. Musik-Tycoon (Virgin) Richard Branson war ein echter Glamour-König. Schade, dass er Mallorca den Rücken gekehrt hat. Aber uns bleibt noch das US-Glamourpaar Michael Douglas und Catherine Zeta-Jones, das jeden Sommer einige Wochen auf S´Estaca weilt. Doch sie scheuen die Öffentlichkeit, und das ist eigentlich nicht glamourös, oder eben doch?