Unwahrscheinlich klassisch: Vivienne Westwood und die Sex Pistols

Wir plaudern kein Staatsgeheimnis aus mit der Feststellung, dass wir im Wegwerf-Zeitalter leben. Pioniere waren die Leute von McDonald´s; mittlerweile klebt man das Label „Mc“ automatisch an alle schnellen und einfachen Lösungen, bei denen der Qualitätsanspruch nach hinten verschoben wird. Ich fühle mich sogar oft versucht, dieses Etikett einigen meiner Lieblings-Freunde anzuheften!

Lassen wir die persönliche Ebene mal beiseite und fassen folgendermaßen zusammen: Essen ist schnell, Nachrichten sind schnell, die Wirtschaft ist schnelllebig; noch nie in der Geschichte haben wir einen solch schnellen Wandel der Weltwirtschaft erlebt wie in den vergangenen 12 Monaten; sogar Beziehungen haben – wie mir Teenager berichten – ein rasches Verfallsdatum; sie verlaufen heutzutage zwar nicht immer super-schnell, aber eben auch nicht langsam und sind schon gar nicht tragfähig.

Muss das alles negativ sein? Ich glaube nicht. Wie sagt doch mein griechischer Lieblingsphilosoph Heraklit aus Ephesus so schön (ein oft-geklautes Zitat): „Der stete Wandel ist die einzige Konstante“. Mit den Worten von „Barbie Girl“ – mein Lieblings-Wegwerf-Kaugummi-Popsong aus den 90ern – könnte man es anders ausdrücken: „Das Leben ist formbar und deshalb wunderbar…..“

Wenn man davon ausgeht, dass alles entbehrlich ist, brauchen wir unbedingt einen kulturellen Polarstern, der uns inmitten des Plunders und Treibguts unseres Turbo-Lebens im 21. Jahrhundert orientiert. Ist denn gar nichts mehr heilig? Ist die Vorstellung von „klassischen“ Gegenständen oder Bildern ein Relikt der Vergangenheit?

Wenn Sie über die Beantwortung dieser Frage nachdenken, gehe ich jede Wette ein, dass Sie genauso reagieren wie ich: Sie greifen nach dem Oxford English Dictionary (OED) oder vielleicht sogar dem „Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm“, diesem wundervollen Wörterbuch, das die berühmten Märchenerzähler Gebrüder Grimm im Jahr 1852 herausbrachten – und suchen nach einer deutschen Entsprechung.

Im OED finden Sie folgende Definition des Wortes „Klassik“ oder „klassisch“: „von anerkannt herausragender Qualität; ausgesprochen bedeutend, bemerkenswert typisch….“. Man könnte auch sagen, dass Klassik ein letzter Stützpfeiler der Qualität in einer Welt ist, die in den Wahnsinn treibt.

Wahrscheinlich wurde das Wort im Jahr 2009 hauptsächlich für die Beschreibung von Autos (denken Sie an einen herrlichen roten Jaguar XJ6), Mode (z.B. für Coco Chanels kultige Tweed-Jacken), und vielleicht Kunst benutzt – etwa für Johann Hermann Carmiencke als klassischem deutschem Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts.

Andererseits verändert zweifellos die Geschichte unseren Blickwinkel. Bleiben wir noch einen Moment bei den Autos: da wäre der Trabbi, gerade frisch in die  „Time Magazine“-Liste der 50 hässlichsten Autos aller Zeiten aufgenommen. Der Pappkarton wäre sogar für „Joe“ Stalin – selbst wenn der Diktator ein netter alter Mann gewesen wäre – ganz allein Grund genug gewesen, über den Kommunismus abzulästern. Die Ostdeutschen konnten es nicht erwarten, den Trabbi hinter sich zu lassen, als sie 1989 über die Grenze strömten – und heute gilt das Ding……als Kultobjekt.

Und dann ist da natürlich Vivienne Westwood – hat sie denn kein Sommerversteck auf Mallorca? Die Hohepriesterin der britischen Modewelt ist ein weiteres Musterbeispiel für das „Trabbi-Syndrom“, wie ich es bezeichne.  Vivienne wird nächsten Monat 69 Jahre alt und wurde einst berühmt durch ihre Zusammenarbeit mit den Punk-Rockern „The Sex Pistols“ und besonders mit deren berüchtigtem Manager Malcolm McLaren. Ihre „grandiose Idee“ war es, die „Pistoleros“ derart einzukleiden, dass ihre Kutten die sozialkritischen Texte der Band widerspiegelten. Westwood experimentierte mit Sicherheits-Nadeln und Rasierklingen – Simsalabim, die Punk-Mode war geboren.

Ob Sie es glauben oder nicht, Vivienne Westwood arbeitete damals als Lehrerin. In einem CNN-Interview vor ein paar Wochen gab sie zu Protokoll, dass sie sich ursprünglich viel mehr für Literatur interessierte als für Mode, und dass ihre Augen noch immer strahlend glänzen, wenn jemand sie auffordert, lang und breit über ihr Design zu plaudern. Das war alles in Sachen Mode. Vivienne beobachtete nur sehnsüchtig und dann ging alles wie von selbst…..

Wie dem auch sei, schließlich eröffnete sie mit großem Brimborium ihren ersten Shop – mit Namen „Sex Boutique“ – 1971 in der King´s Road 430, Chelsea, London. Der Laden gehört ihr immer noch und ist die Vermarktungs-Zentrale für ihr Label „Anglomania“. Ihre skandalös-abscheulichen Kreationen gingen weg wie warme Semmeln. Gemeinsam mit Johnny Rotten und seiner Band wurde sie vom britischern Establishment gnadenlos niedergemacht und verspottet – genau der Stoff, aus dem ein unsterblicher Ruf gemacht wird.

1992 bekam die Westwood den Titel „Dame Commander of the Order of the British Empire“ für ihre Verdienste um die Mode, nachdem sie dreimal den Wettbewerb „Großbritanniens Modeschöpfer des Jahres“ gewonnen hatte. 2004 organisierte das Victoria und Albert Museum in London die erste Retrospektive ihrer Kunstwerke. Dazu bekam sie noch ein Dutzend Ehrentitel, unter anderem einen „Doktor der Schrift“ honoris causa.

Politisch aktiv war sie immer; kürzlich nahm sie die Einladung an, als Beraterin der britischen Bürgerrechts-Organisation „Liberty“ zu fungieren, für die sie T-Shirts und Babysachen mit folgendem Aufdruck entworfen hat: „ICH BIN KEIN TERRORIST – BITTE VERHAFTET MICH NICHT“.

Die Jahre haben dazu geführt, dass ihr Design zum Klassiker wurde – aber sie selbst ist immer noch so unverblümt wie eh und je.

Da haben wir´s. Als sie alle in ihrer Blütezeit waren, hätte da jemand ahnen können, dass der Trabbi oder Vivienne Westwood oder die Sex Pistols eines Tages den Status von Ikonen ihrer Zeit erreichen würden – von Prototypen, deren unnachahmlicher Stil genau den Zeitgeist einfing? Wir alle kennen die Antwort dieser Frage.

Die Moral von der Geschichte ist vielleicht, dass alle drei Beispiele eine gewisse, nicht wiederholbare Einzigartigkeit besaßen, die sie außergewöhnlich machte – obwohl sie seinerzeit störend, unverlässlich, peinlich, lärmend und bisweilen sogar zügellos anarchistisch waren. Es bleibt dieses Gefühl, dass Gott, als er den Trabant schuf, aus allen vorgegebenen Formen ausbrach. Ihre absolute Einzigartigkeit macht sie alle klassisch und zeitlos – diametral entgegengesetzt zu den Begriffen langweilig, farblos und entbehrlich.

Lasst uns 2009 ein neues Spiel spielen: So viele Fälle des „Trabbi-Syndroms“ wie möglich entdecken – unangepasste Leute oder Dinge, die jeder im Moment gerne verteufelt oder verabscheut, die aber von der Zeit rehabilitiert werden und ungefähr nach 25 Jahren als Klassiker auferstehen.

Mein Problem an der Sache ist, dass mir aktuell nichts und niemand dazu einfällt – eine beunruhigende Tatsache!